in gunthas kopf

vom verstehen und zuhören

 


 

nachdem ich schon "amores perros" und "21 grams" des mexikanischen regisseurs alejandro gonzález iñárritu gesehen habe, war gestern sein neuer film "babel" an der reihe, auf dessen veröffentlichung ich schon seit einem monat gewartet habe. nach zweieinhalb stunden kino stand ich dann völlig euphorisiert im sonycenter und hab versucht meine gedanken zu ordnen, was bis jetzt noch nicht ganz abgeschlossen ist. aber ich will es trotzdem versuchen:

1. dieser film war ein erlebnis von der art, wie ich es selten bei einem kinobesuch erlebts habe. alle zwei jahre passiert sowas mal, dass ein film in die kinos kommt, den sich meiner meinung nach jeder anschauen sollte, wenn er wissen will, wie die welt und die menschen in ihr ticken. und den durst nach diesem wissen sollte jeder habe, sonst läuft irgendwas schief. bei "magnolia" hatte ich das gleiche gefühl, doch das war's dann auch schon. es gibt einfach zu selten filme, mit denen versucht wird, einen großen zusammenhang darzustellen und antworten auf große fragen zu geben.

2. wie auch "magnolia" antwortet "babel" mit konkreten situationen, in denen menschen sich befinden, auf diese großen fragen, auf die auch eine sabine christiansen vielleicht eine antwort in ihrer sendung sucht und doch nie findet. es geht eben nicht darum, wie ein bestimmtest politische system funktioniert oder wie sich menschen politisch verhalten, wenn man wissen will, was mit der welt los ist. bevor man diese frage stellen kann, muss man zunächst wissen, wie menschen überhaupt agieren, wie sie sich verhalten, wenn sie nach liebe, freude und sinn suchen, bevor man ihr verhalten in einen politischen kontext setzen kann. in "babel" wird das hervorragend gemacht, es gibt diesen politischen hintergrund und doch merkt man, dass die in diesem hintergrund agierenden leute nichts verstehen!

3. nichts verstehen. das ist es, worauf der titel des films anspielt. in der biblischen erzählung vom turmbau zu babel (genesis 11,1–9 ) bestraft gott die menschen für ihren größenwahn, indem er ihre sprachen verwirrt, so dass sie sich nicht mehr verständigen können. der film hingegen legt den schwerpunkt nicht so sehr auf das verstehen einer sprache, als auf das verstehen von situationen, in denen menschen sich befinden. iñárritu hat in den zahlreichen interviews zu seinem neuen film immer wieder davon geredet, dass wir das zuhören verlernt haben und darauf kommt es ihm in "babel" an. um jemanden wirklich zuhören zu können, bedarf es zeit, vorallem, wenn unterschiedliche kulturen aufeinander treffen. doch schon innerhalb eines gemeinsamen kulturellen raums verstehen sich menschen nur zu selten und oft erst dann, wenn etwas außergewöhnliches passiert, das zum zuhören zwingt: der vater und die tochter in japan, die kinder und ihr vater in marokko und auch das amerikanische ehepaar auf marokko-urlaub (von brad pitt und kate blanchett gespielt) befinden sich zu beginn des films in der situation des missverstehens, obwohl sie ja jeweils die gleiche sprache sprechen. vielleicht sollten sich philosophen, wenn sie von "verstehen" sprechen, nicht so sehr auf die sprache konzentrieren, sondern vielmehr auf (gemeinsame) handlungen und situationen - das jedenfalls legt "babel" nahe, was mir auch äußerst plausibel erscheint.

4. schaut euch den film an! meiner meinung nach ist er es mehr als wert, gesehen zu werden - eigentlich ein muss. aber nachdem ich dann so im sonycenter herumstand und mich drei betrunkene jugendliche angequatscht haben, dachte ich auch: mann, die werden es gar nicht verstehen, wenn ich ihnen erklären will, was für einen tollen film ich gerade gesehen habe. die leben in einer ganz anderen welt, haben schon seit jahren ganz andere gedanken im kopf, die sie beschäftigen und würden mich vielleicht sogar für einen spinner halten. das war schon ein deprimierender moment. nicht genug, dass die westliche und die islamische welt so sehr mit verständigungsproblemen zu kämpfen haben, nein, diese probleme haben alle menschen! sich verständlich machen... das bedarf zeit und geduld zum zuhören. doch sabine christiansen erklärt ja alles schon in einer stunden und vermittelt vielen menschen das gefühl, schon verstanden zu haben, obwohl eigentlich nichts gesagt wurde. ein sehr gefährliches gefühl, auf dem es sich gut ausruhen lässt.

 

trailer zum film:

23.12.06 12:14
 

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