in gunthas kopf

das ungreifbare greifbar machen

"denken sie an den 'dekalog'. man könnte fragen, wie es überhaupt möglich ist, die zehn gebote zu verfilmen und dabei nicht anmaßend zu sein. mehr als jeder andere regisseur, den ich kenne, kann er eine abstrakte idee aufgreifen und gleichzeitig verstehen, dass sie nichts bedeutet, solange sie intelektuell bleibt. doch sobald man sie in kommunikatives verhalten übersetzt, verliert sie alles anmaßende."

so der amerikanische regisseur und produzent sydney pollack in einem interview auf der deutschen dvd zum film "heaven" von tom tykwer. es ist nicht der deutsche erfolgsregisseur tykwer, den pollack in diesem zitat meint (obwohl es durchaus - wie er mit "heaven" zeigt - auch auf jenen zutreffen könnte), sondern der polnische filmemacher krzysztof kieslowski. tykwer hat 2002, mit pollack als produzent, eines der drehbücher aus kieslowskis triologie "himmel, hölle und fegefeuer", die dieser nach seinem tod 1996 nicht mehr selbst drehen konnte, verfilmt.

in diesem zusammenhang steht also das zitat pollacks, welches meiner meinung nach eine tiefe erkenntnis in sich trägt, die nicht nur in anbetracht moralphilosophischer fragen, die "heaven" aufwirft, von bedeutung ist, sondern für die philosophie ganz allgemein gelten könnte: wir können die welt nicht vollständig beschreiben. je mehr wir abstrahieren, desto ungenauer ist unsere beschreibung der welt. und wenn wir nicht abstrahieren, können wir uns nur selbst beschreiben, jeder für sich, ganz subjektiv. doch es gibt eine möglichkeit: das, was hinter den abstrakten ideen steht, muss in kommunikatives verhalten übersetzt werden, in einen zusammenhang gebracht werden.

diese formulierung pollacks hat mich stark an wittgenstein und seine idee der sprachspiele erinnert, die dem verhalten der am kommunikativen prozess involvierten eine große beteiligung bei der bedeutungsbildung zuspricht. was machen filme wie der "dekalog" oder "heaven" anderes, als die abstrakten ideen von der welt in zusammenhang mit dem verhalten der menschen, welche die urheber dieser ideen sind, zu betrachten? filme können das unglaublich gut, viel besser, als ein zwanzigseitiger philosophischer essay es vermag. und auch romane können diese wirkung haben, dass man versteht, ohne das verstandene wirklich in worte fassen zu können.

aber muss man das denn? muss man es, wenn es nicht kommunizierbar IST? vielleicht hat unsere sprache für gewisse konstellationen und gefühle keine angemessene struktur, mit der sie die dinge etikettieren kann, die ein film oder ein buch mit einem schlag einfangen, so dass wir sagen: "ja genau, so ist es, wie krass!".

die meisten leute, die sich im umfeld einer universität bewegen, würden der forderung zustimmen, dass sich die einzelnen fachbereiche stärker interdisziplinär betätigen sollten. aber passiert sowas wirklich? warum beschäftigen sich die philosophen nicht viel mehr mit filmen und büchern, die gewisse dinge einfach viel treffender auf den punkt bringen, als es die "fachliteratur" vermag? und umgekehrt können andere fachbereiche von den fähigkeiten der philosophen zu strukturieren und logisch zu denken profitieren. schaut euch "heaven" an, es ist ein hochphilosophischer film, der einem sehr zum nachdenken anregt und gleichzeitig dieses gefühl in einem erzeugt, dass man versteht, obwohl man es nicht genau erfassen kann.

 

9.10.06 00:12
 

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