in gunthas kopf

ein vorschlag an sie, herr sarkozy!

in den vororten von paris ist es infolge des unfalltodes zweier jugendlicher zu einer neuen welle der gewalt gekommen. nach den unruhe im november 2005 liefern sich einwohner der banlieues wieder straßenschlachten mit der polizei, wieder brennen autos und gebäude und wieder richtet sich die aggression gegen die symbole des französischen staates und damit gegen diesen selbst.
ob nun alle der größtenteils jugendlichen gewalttäter ihre gründe für solch eine emotionale reaktion benennen können oder ob sie einfach nur die gelegenheit nutzen, um mal "auf den putz zu hauen", ist sicherlich eine wichtige frage, doch gründe (auch wenn sie zunächst nur gefühlt sind) gibt es allemal: nicht erst seit einigen tagen wissen wir um die situation in den von einwanderern geprägten vorstädten frankreichs: die große arbeitslosigkeit und die damit verbundene armut sowie der gefühlte rückzug des staates und die damit verbundene perspektivlosigkeit, also das gefühl, mit existentiellen problemen allein gelassen zu werden, kann verständlich machen, warum menschen so einen zorn entwickeln - insbesondere, wenn man daran denkt, dass auch friedliche demonstrationen, z.b. der "marche des beurs" 1983 von marseille nach paris, zwar beachtung gefunden, die situation aber kaum verändert haben.
wo die zweite generation der französischen einwanderer noch die hoffnung auf einen dialog gehabt haben mag, da macht sich heute in der dritten generation eine tiefe hoffnungslosigkeit breit. nach den unruhen vor zwei jahren habe sich nichts geändert, heißt es überall. die gemachten versprechen zur lösung der probleme seien nicht eingehalten worden. (für eine differenzierung im zusammenhang mit der frage, was die probleme wirklich sind und eine überlegte kritik der öffentlichen wahrnehmung dieser probleme sei auf den folgenden artikel hingewiesen: "was tun, wenn die sprache nicht mehr stimmt").

es ist vorallem frankreichs präsident sarkozy, auf den sich die hoffnungslosigkeit richtet: schon in seiner zeit als innenminister während der krawalle 2005 hatte er den hass der randalierenden jugendlichen auf sich gezogen, indem er sie als "gesindel" bezeichnet hat und der meinung war, die probleme (für ihn dann hauptsächlich die kriminalität) "mit dem hochdruckreiniger" beseitigen zu müssen.
wenn er tatsächlich an einer lösung interessiert gewesen wäre, dann war das äußerst unklug von ihm und könnte nur noch als emotionaler ausbruch verstanden werden. auch ein französicher innenminister ist nur ein mensch, einer, der in einer ganz anderen umgebung aufgewachsen ist und sein eigenes weltbild entwickelt hat, doch auch einer, von dem man eben in seiner funktion, zu deren ausübung ihn niemand gezwungen hat, viel mehr erwartet. jemand, der den staat repräsentiert, darf sich nicht nur auf sein eigenes weltbild berufen, sondern muss den versuch unternehmen, andere gedanken zu verstehen und unterschiedliche ansichten durch dialog miteinandern zu vereinen.

jetzt ist sarkozy präsident und damit eines der großen symbole des staates, auf den der hass gerichtet ist. angenommen, er würde die aktuelle situation wirklich als eines der drängensten problem der gesellschaft, die er regiert und die er schützen soll, verstehen: was könnte er tun, wo es doch fast aussichtslos erscheint, dass die "andere seite" seinen worten zumindest die absicht der wahrhaftigkeit beimessen werden. er kann sagen, was er will: wenn die gewaltbereiten jugendlichen die möglichkeit hätten, ihm den kopf abzuschlagen und die allgemeine stimmung einem solchen vorhaben "förderlich" ist, würden sie es wohl tun.

wie reagiert man also, wenn man mit worten nichts mehr erreichen kann, den hochdruckreiniger aber auch nicht einsetzen will. nun, die große stärke oder möglichkeit der politik ist es doch (aufgrund der enormen öffentlichen aufmerksamkeit, die ihr tagtäglich und verständlicherweise in den nachrichten zuteil wird) zeichen zu setzen! anstatt vor dem ehrenmal des jüdischen ghettos in warschau eine rede zu halten, ging willy brandt 1970 in die knie und hat damit die möglichkeit eröffnet, den bundesdeutschen diskurs um die ostpolitik später abschließen zu können, welcher durch worte allein wohl sehr viel schwieriger zu einem abschluss hätte gebracht werden können. doch solche zeichen erfordern mut und damit die bereitschaft, das risiko des fehlschlags einzugehen. ohne diese beiden komponenten wird ein zeichen nicht als starkes zeichen wahrgenommen!

was für ein zeichen könnte also zumindest eine atmosphärische verbesserung der situation in frankreich herbeiführen? präsident sarkozy hat gestern die familien der beiden verunglückten jugendlichen im elysee-palast empfangen, was sicher auch ein zeichen ist, aber eben keines, welches mut und risikobereitschaft erfordert und deshalb schon morgen vergessen sein wird.
nein, sarkozy könnte doch folgendes machen: der elysee-palast ist doch ein so großes gebäude, dass viel mehr betroffene eingeladen werden könnten und es würde wirklich von mut zeugen, wenn er eine allgemeine einladung explizit an die randalierenden jugendlichen richten würde, um sich mit dem hass auseinanderzusetzten und sich ihm auch auszusetzen!
natürlich kann man fragen, ob man es in einem solchen szenario ausschließen kann, dass der elysee-palast binnen sekunden in flammen stehen würde. aber dem kann man durch die art der einladung auch verbeugen:

"ich weiß, dass ihr mich hasst, und vielleicht habe ich auch umgekehrt den eindruck erweckt, dass ich euch hasse. ja, ich bin auch nur ein mensch, und menschen können wütend sein und sich von diesem gefühl zu allerlei hinreißen lassen, ob zum äußern von beleidigungen oder zum ausüben von gewalt. ihr alle und ich - wir(!) - haben mit unseren vergangenen taten ja sicherlich ein ziel verfolgt: ich wollte, dass endlich ruhe einkehrt und ihr wolltet, dass man euch anhört und sich um eure probleme kümmert - nicht nur mit worten, sondern vorallem mit taten! ich denke - und glaube, dass ihr mir zustimmen könnt -, dass sich beide ziele nicht ausschließen, sondern einander brauchen! lasst uns gemeinsam schauen, wie wir das hinkriegen können, denn es muss gehen! deshalb lade ich euch ein, morgen zu mir in den elysee-palast zu kommen, als meine gäste in mein haus, welches aber auch euer haus, das haus des französischen volkes, ist.
meine berater haben mir gesagt, eine solche einladung wäre zu gefährlich, da ihr eure berechtigte wut nicht kontrollieren könnt. aber ich lasse mir nichts einreden! ich glaube,
dass ihr das könnt! ich erwarte nicht, dass ihr nicht wütend sein werdet, dafür ist einfach zu viel geschehen. ihr dürft wütend sein! was aber jeder gastgeber erwarten kann, ist, dass seine gastfreundschaft gewürdigt und keine schande über sein haus gebracht wird, so wie jeder gast erwarten kann, dass man ihn mit respekt und würde behandelt.
mein haus ist euer haus! jeder, der sich angesprochen fühlt, kann kommen, und gemeinsam werden wir der welt zeigen, dass wir uns heftig streiten können - aber für eine gemeinsame sache, für die chance, aus dem leben das beste zu machen."


also herr sarkozy, seien sie mutig! auch auf die gefahr hin, dass sich der hass unkontrolliert bahn brechen wird, wenn sie gäste empfangen, die ihnen nicht wohl gesonnen sind. (sie werden sicherlich einen fluchtweg präparieren können, um ihr leben im denkbar schlechtesten fall zu schützen). aber stellen sie sich doch nur mal folgendes bild vor, das zeigt, wie bedeutend ein solches vorhaben sein könnte: sie ganz allein auf einem podium in einem großen saal im elysee-palast, und vor ihnen die - wenn sie ihre herzen erreichen können - mit dem staat versöhnten randalierer. ein solches bild würde sich in die geschichtsbücher und vorallem in den köpfe der menschen einbrennen!
von da an könnten worte wieder etwas bewegen, weil man ihnen dann wieder vertrauen könnte, weil auch sie darauf vertraut hätten, dass ihr schöner palast nicht in schutt und asche gelegt wird. ohne den mut, zu vertrauen, ist echte versöhung nicht möglich. in diesem sinne: setzten sie ein zeichen des vertrauens, so dass sich ihnen und ihrem volk neue möglichkeiten eröffnen können! sie werden es nicht bereuen, da bin ich mir sicher.
29.11.07 12:19
 

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